von Ravenstein, Johann Friedrich Theodor Heinrich Adolf

 

* 1. Januar 1889, Strehlen, Niederschlesien (heute Strzelin in Polen)

† 26. März 1962, Duisburg

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Hans von Ravenstein kam nach dem Besuch der Kadettenanstalt Wahlstatt von der Hauptkadettenanstalt Groß-Lichterfelde am 24. März 1909 als Leutnant ohne Patent zur preußischen Armee. Der erstgeborene Sohn von Premierleutnant der Reserve Johann Friedrich August (Fritz) von Ravenstein und seiner Frau Margarete Agnes Elisabeth Alexandrine Henriette Adolfine, geborene Freiin von Maltzan, kam dabei zum 2. Westpreußisches Grenadier-Regiment “König Wilhelm I.“ Nr. 7 nach Liegnitz. Am 24. Juni 1909 hat er dann sein Patent bei der 5. Kompanie seines Regiments erhalten. Am 1. Oktober 1912 wurde er zum 7. Westpreußischen Infanterie-Regiment Nr. 155 nach Ostrowo versetzt. Am 1. April 1914 wurde er zum Bataillonsadjutant im 7. Westpreußischen Infanterie-Regiment Nr. 155 in Ostrowo ernannt. Als solcher kam er bei Beginn des 1. Weltkrieges Anfang August 1914 an die Front. Während des Krieges war er ausschließlich an der Westfront im Einsatz, zuerst in der Schlacht von Longwy. Später war er dann auch bei der Schlacht um Verdun und an der Somme im Einsatz. Ab dem 1. April 1915 wurde er als Kompanieführer der 9. Kompanie seines Regiments eingesetzt. Am 18. Juni 1915 wurde er zum Oberleutnant befördert. Im Jahr 1915 erhielt er das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Nach einer schweren Verwundung 1916 kehrte er heimlich zu seiner alten Einheit zurück und stürmte mit seiner Kompanie den beherrschenden Hügel "Toter Mann". Für diesen Erfolg wurde ihm das Ritterkreuz des Kgl. Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern verliehen. Am 18. Juli 1916 wurde er zum Führer der Sturmkompanie der 10. Reserve-Division ernannt. Am 8. Februar 1918 hat er die zweieinhalb Jahre jüngere Elisabeth Lobo da Silveira Gräfin von Oriola in Liegnitz geheiratet. Während der schweren Kämpfe vom 30. März 1918 waren beim Schwester-Regiment, dem Füsilier-Regiment „von Steinmetz“ (Westpreußisches) Nr. 37 der Regimentsführer und alle Bataillonskommandeure gefallen. Von Ravenstein erhielt den Befehl, das I. Bataillon zu übernehmen. Mit diesem gelang ihm am 27. Mai 1918 der Durchstoß durch die französische Front und die handstreichartige Inbesitznahme der Aisne-Brücke bei Bourg. Die Beute seines Bataillons betrug an diesem Tag über 1.500 Gefangene, darunter 14 Offiziere, 32 Geschütze, darunter Kaliber bis 18,5 cm, 30 schwere MG sowie erhebliches anderes Kriegsmaterial. Für diesen Erfolg wurde von Ravenstein am 20. Juni 1918 zum Hauptmann befördert und damit auch zum Kommandeur des I. Bataillons vom Füsilier-Regiment “von Steinmetz“ (Westpreußisches) Nr. 37 ernannt. Am 23. Juni 1918 wurde er für die vorherige Tat auch mit dem Orden Pour le mérite ausgezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war er erst der zweite Oberleutnant der an der Westfront mit diesem Orden ausgezeichnet wurde. Nach dem Krieg wurde von Ravenstein zuerst ab dem 1. Januar 1919 als Führer eines Grenzschutzdetachements eingesetzt. Anfang Juli 1919 wurde er in das vorläufige Reichsheer übernommen. Er kam dabei zum Reichswehr-Infanterie-Regiment 9 der Reichswehr-Brigade 5 in Glogau. Am 31. März 1920 schied er noch vor der Bildung des 200.000 Mann Heeres der Reichswehr aus dem Heer aus. Dabei wurden ihm die Charakter als Major verliehen.

Im Anschluss beendete er 1921 sein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften am der Universität Essen als Diplom-Verwaltungswirt. Danach arbeitete er in einem großen Elektrounternehmen in Duisburg. Mitte der 20iger Jahre wechselte er dann in den höheren kommunalen Verwaltungsdienst der Stadt Duisburg. Dies wurde durch eine persönliche Bekanntschaft mit Oberbürgermeister Dr. Karl Jarres. Er wurde 1926 Direktor des Städtischen Verkehrsamtes, wodurch er für die Straßenbahn zuständig war. Später kam er dann ins Bürgermeisterbüro als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Phase seiner Karriere hatte er die Tochter seiner Schwester Margarethe Eva Wilhelmine Helene Anna von Ravenstein mit dem Namen Christa Margarete Wally Eva Elisabeth Luise Teufel am 13. Dezember 1922 in Karlsruhe, an Kindes statt angenommen. Im Kommunaldienst war er bis 1933 im Einsatz, da verlor Jarres sein Amt als Bürgermeister. Am 1. Dezember 1933 wurde er als L-Offizier* beim Wehrkreiskommando VI angestellt. Am 1. Mai 1934 trat er als Major wieder in den aktiven Dienst der Reichswehr ein. Sein Rangdienstalter wurde dabei auf den 1. Mai 1934 festgelegt. Er wurde jetzt dem Stab vom 18. Infanterie-Regiment zugeteilt. Bei der Erweiterung der Reichswehr zur Wehrmacht wurde er am 1. Oktober 1934 zum Kommandeur des III. Bataillons voms Infanterie-Regiment Münster in Iserlohn ernannt. Bei der Enttarnung der Einheiten wurde er am 15. Oktober 1935 zum Kommandeur des II. Bataillons vom Infanterie-Regiment 60 in Iserlohn ernannt. Am 1. Oktober 1936 wurde er zum Oberstleutnant befördert. Am 12. Oktober 1937 wurde er zum Kommandeur der II. Abteilung vom Kavallerie-Schützen-Regiment 4 ernannt. Am 24. November 1938 wurde er als Nachfolger von Generalmajor Friedrich-Wilhelm von Loeper zum Kommandeur des Kavallerie-Schützen-Regiments 4 in Iserlohn ernannt. Am 1. August 1939 wurde er als solcher zum Oberst befördert. Durch die Umbenennung des Regiments bei der Mobilmachung für den 2. Weltkrieg wurde er am 26. August 1939 zum Kommandeur vom Schützen-Regiment 4 ernannt. Einen Tag später wurde ihm der 1. August 1939 als Rangdienstalter zugewiesen. Sein Regiment führte er im Verband der 1. leichten Division in den Kämpfen im Polenfeldzug im September 1939. Dabei wurden ihm bereits beide Spangen zu seinen Eisernen Kreuzen verliehen. Seine Privatadresse zu jener Zeit war Bürgergarten 1 in Iserlohn. Im Frühjahr 1940 führte er sein Regiment dann im Westfeldzug gegen Frankreich. Dabei gelang  ihm im Begegnungsgefecht bei le Catelet die Festnahme des Stabes der 9. französischen Armee. Hierfür wurde ihm am 3. Juni 1940 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen. In der Begründung stand: "Oberst Johann von Ravenstein war mit seinem Schützenregiment maßgeblich am Übergang über die Maas und am Durchbruch durch die belgischen Befestigungen beteiligt. Unter seiner persönlichen Führung wurde die Besatzung eines von feindlichen Panzer- und Infanteriekräften gehaltenen Ortes in umfassendem Angriff vernichtet bzw. gefangengenommen." Am 7. August 1940 erhielt er vom Kommandeur der Schützen-Brigade 6, Oberst Hans-Karl Freiherr von Esebeck, folgende Beurteilung: "Ausgesprochene Persönlichkeit, starker Wille, mitreißender Schwung. Hervorragender Führer, Ausbilder und besonderer Erzieher seines Regiments. Persönliche Tapferkeit, ruhige Klarheit in schwierigen Lagen. Taktisch sehr gut veranlagt. Schnell von Entschluss. In Durchführung einer Aufgabe zielsicher. Bewertung: Führt sehr gut aus. Empfehlung: Gut geeignet zum Divisionskommandeur. Als Zwischenstellung Kommandeur einer Kriegsschule." Am 7. August 1940 ergänzte der Divisionskommandeur Generalleutnant Werner Kempf: "Vorstehender Beurteilung stimme ich in jeder Beziehung zu. Ein weit über dem Durchschnitt stehender Offizier und Kommandeur, ein hervorragender Truppenführer, ein Soldatenerzieher von seltenem Talent. Im Kriege meisterte er in vorbildlicher persönlicher Tapferkeit die schwierigsten Lagen durch seine große Ruhe. Zum Kommandeur einer Panzerdivision in hohem Maße geeignet. Ist am 29. November 1941 unverschuldet in englische Gefangenschaft geraten." Im Sommer 1940 wurde Oberst von Ravenstein zum Kommandeur der neuen 16. Schützen-Brigade ernannt, die dann ab Ende 1940 als Lehrtruppe in Rumänien eingesetzt war. Während seiner Zeit dort war er kurzzeitig Teil der deutschen Militärmission in Rumänien und wurde dabei kurzzeitig auch als Kommandant von Bukarest eingesetzt. Am 22. Fevruar 1941 erhielt er folgende Beurteilung von Generalmajor Hans-Valentin Hube, Kommandeur der 16. Panzer-Division: "Überragende Persönlichkeit, die vor dem Feine noch über sich selbst hinauswächst. In Führung und Ausbildung von Schützen und Panzern gleich vorzüglich erfahren. Genießt das blinde Vertrauen seiner Truppe. Bewertung: Führt sehr gut aus. Empfehlung: Besonders geeignet zum Kommandeur einer Panzerdivision. Bei seinem hervorragendem erzieherischen Einfluss auf die Jugend kommt er in Friedenszeiten für die Stellung des Inspekteurs der Kriegsschulen in Frage." Dazu ergänzte am 1. März 1941 der Befehlshaber der Deutschen Heeresmission General der Kavallerie Erik-Oskar Hansen: "Einverstanden. Hat längere Zeit als Kommandant von Bukarest die besonders schwierigen Verhältnisse hervorragend gemeistert und sich militärpolitische Verdienste erworben. Weit über dem Durchschnitt stehende, zu Höherem berufene Persönlichkeit." Im Frühjahr 1941 war er, nach der Schlacht um Griechenland, kurzzeitig Verbindungsoffizier am Hof von König Boris III. von Bulgarien. Dieser trug ebenfalls den Pour le merite. Am 23. Mai 1941 wurde von Ravenstein mit Wirkung vom 20. Mai 1941 zum Generalmajor befördert und gab sein Kommando an Oberst Paul Wagner ab. Er wurde dafür jetzt nach Afrika geflogen. Dort wurde er in der ersten Juniwoche 1941 als Nachfolger von Generalmajor Johannes Streich mit der Führung über die 5. leichte Division in Afrika beauftragt. Durch die Umgliederung und die folgende Umbenennung wurde er am 1. August 1941 zum Kommandeur der 21. Panzer-Division in Afrika ernannt. Auch diese führte er jetzt weiter auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz. Von Ende Oktober 1941 bis zum 5. November 1941 befand er sich auf einem Erholungsurlaub in Rom. Danach übernahm er wieder sein Kommando über die 21. Panzer-Division, die sich in Vorbereitung auf die Schlacht um Tobruk befand. Ab dem 18. November 1941 tobten dann die Kämpfe um die Festung, wobei die Division ostwärts Capuzzo im Einsatz war. Als er sich mit einem Sanitäter und einem Fahrer im Stabswagen auf dem Weg zum Hauptquartier 15. Panzer-Division befand, wurde er am 29. November 1941 in einem Hinterhalt der 2. neuseeländischen Division bei Point 175 beschossen, wobei einer seiner Begleiter verwundet wurde. Der Stabswagen wurde stark beschädigt. Er geriet dann bei Sidi Rezegh als erster deutscher General in Kriegsgefangenschaft. Dabei konnten auch wichtige Karten in Feindeshand gelangen. Er wurde dann in Tobruk am 5. Dezember 1941 gemeinsam mit 380 verwundeten alliierte Soldaten, 100 deutsche und italienische Kriegsgefangene sowie 120 Besatzungsmitgliedern auf dem britischen Transportschiffs SS Chakdina eingeschifft, um nach Alexandria gebracht zu werden. Das Schiff legte am Nachmittag im Hafen von Tobruk ab. Es wurde dann am Abend um 21:35 Uhr vor Tobruk durch italienische Torpedobomber angegriffen und dabei in einem der hinteren Laderäume getroffen. Das Schiff ist dann innerhalb von wennigen Minuten gesunken. Etwa 400 Männer ertranken, darunter 80 Neuseeländer und fast alle Überlebende der Kämpfe bei Sidi Rezegh und Belhamed. Der Untergang der Chakdina war das einzige größere Unglück bei der Evakuierung der neuseeländischen Verwundeten während des Zweiten Weltkriegs. Nach zwei Stunden im Wasser wurde Generalmajor Ravenstein vom Walfangschiff HMS Thorgrim aus dem Mittelmeer geborgen. Nach anderen Angaben, war es eine britische Korvette, die ihn aus dem Meer aufnehmen konnte. Er wurde nach Alexandria gebracht und in einer Reihe von Kriegsgefangenenlagern gehalten, zuerst in Ägypten, dann in Südafrika und später noch in Quebec, Ontario, wo er den größten Teil des Krieges verbrachte. Am 17. Dezember 1941 wurde sein Rangdienstalter als Generalmajor auf den 1. Oktober 1941 festgelegt. Während seiner Kriegsgefangenschaft wurde er am 1. Oktober 1943 auch noch zum Generalleutnant befördert. Nach der Kapitulation wurde er in ein Kriegsgefangenenlager in Bridgend, Wales, verlegt, welches für höhere deutsche Offiziere vorgesehen war. Schon bald bekam er Herzprobleme und wurde im November 1947 aus medizinischen Gründen nach Deutschland repatriiert.

Mit seiner Frau Elisabeth lies er sich anfangs wieder in Iserlohn nieder. Später zog er mit seiner Frau nach Duisburg, wo er wieder als Verkehrsdirektor der Stadt Duisburg angestellt wurde. 1954 ging er schließlich in den Ruhestand. Bald darauf lehnte er ein Angebot von König Farouk von Ägypten ab, die Armee seines Landes zu kommandieren. Als aktiver Christ engagierte er sich zeitlebens in der evangelischen Kirche, aber auch in anderen bürgerlichen und karitativen Organisationen. Während eines Gottesdienstes in Duisburg starb er am 26. März 1962 an einem Herzinfarkt.

 

Ritterkreuz (29. Mai 1940)

 

*Ausgeschiedene ehemalige Offiziere wurden oft als zivile Angestellte der (schwarzen) Reichswehr in "Landesschutzangelegenheiten" beschäftigt (L-Angestellte). Ab dem 1. Oktober 1933 taten diese als sog. L-Offiziere (L = Landsschutz; nicht Landwehr) Dienst in Kommandostellen der Reichswehr, trugen weiterhin Zivil und hatten an ihrem Rang ein "a.D." Das war wie eine eigene Laufbahn mit eigener Besoldung neben dem aktiven Offizierskorps. Am 5. März 1935 erfolgte die Umbenennung in E-Offiziere für Ergänzungsoffizierskorps. Hier trugen die Ränge dann ein (E) als Zusatz. Diese Offiziere wurden nur in bestimmten Bereichen, meist Innendienst eingesetzt und machten während der Aufrüstung aktive Offiziere frei für andere Verwendungen.

 

Literatur und Quellen:
BArch, MSG 109/4919 : Krug, Ottomar: Deutsche Generale 1867-1945
Dienstaltersliste der Offiziere der königlich Preußischen Armee und des XIII. (königlich  Württembergischen) Armeekorps 1917, Mittler und Sohn 1917
Dienstaltersliste der Offiziere der bisherigen Preußischen Armee und des XIII. (bisherigen Württembergischen) Armeekorps 1919, Mittler und Sohn 1919
Stellenbesetzung im Reichsheer 16. Mai 1920, Biblio-Verlag 1968
Stellenbesetzung des Deutschen Reichsheeres nach dem Stand vom 1. April 1934
Stellenbesetzung Reichsheer 1. Oktober 1934
Stellenbesetzung Reichsheer 15. Oktober 1935
Stellenbesetzung Wehrmacht 6. Oktober 1936
Stellenbesetzung des Heeres mit Stand vom 12. Oktober 1937
Stellenbesetzung des Heeres 1938

Podzun, H. H. (Hg.): Das Deutsche Heer 1939. Gliederung, Standorte, Stellenbesetzung und Verzeichnis sämtlicher Offiziere am 3. Januar 1939, Bad Nauheim, Podzun 1953
Wolfgang Keilig: Rangliste des deutschen Heeres 1944/1945, Podzun-Verlag 1955
Gerhard von Seemen: Die Ritterkreuzträger 1939-1945, Podzun-Verlag, Friedberg 1976
Hamelman, William E. The History of the Prussian Pour le Mérite Order, Volume III: 1888-1918. Matthäus Publishers, Dallas, Texas, 1986.
Ryder, Rowland. Ravenstein: Portrait of a German General. Hamish Hamilton Ltd., London, United Kingdom, 1978.
NARA T-78 R-891