Blohm & Voß BV 222

 

Die BV 222 entstand auf Initiative der Lufthansa als Transatlantik-Flugboot. Nach einer Ausschreibung und einem Wettbewerb zwischen Heinkel, Dornier und Blohm & Voß entschied sich die Lufthansa für die von Blohm & Voß vorgelegten Entwürfe. Nach Vorlage der ausführlichen Baubeschreibung des bei Blohm und Voss als "P.54" bezeichneten Flugbootes am 31. Mai 1937 erteilte die Deutsche Lufthansa am 19. September 1937 einen Auftrag für die Fertigung von drei Versuchsmustern. Die Lufthansa formulierte ihren Auftrag so: Die 45.000 kg beim Start wiegende Maschine sollte 24 Passagiere bei Tag oder 16 bei Nacht über den Atlantik fliegen. Im neu geschaffenen Werk in Hamburg-Finkenwerder wurde daraufhin mit der Konstruktion des Flugbootes begonnen. Im August 1938 wurde dann mit dem Bau des ersten Versuchsmusters in Finkenwerder begonnen. Nur einige Wochen später begann der Bau der V-2 und V-3. Zudem wurde ein Holzmodell in Originalgröße gefertigt. Am 16. Juli 1940 nahmen Angehörige der Deutschen Lufthansa die Attrappe in Augenschein und verlangten einige Änderungen. Am 7. August 1940 gab die Fluggesellschaft schließlich ihre Zustimmung zu der nun geänderten Innenausstattung des Flugbootes. Diese Inneneinrichtung sollte jedoch nie verbaut werden, da zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, dass die gefertigten Maschinen direkt an die Luftwaffe gehen würden. Trotz des hohen Zeitaufwands bei der Konstruktion eines so großen Flugbootes und trotz des Kriegsausbruchs ging der Bau der Prototypen stetig seinem Ziel entgegen, so daß die V-1, D-ANTE, am 7. September 1940 ihren Erstflug absolvierte. Dabei zeigte sich, daß die Flugeigenschaften zwar befriedigend waren, es aber noch einiger Verbesserungen und Korrekturen bedurfte. Die weiteren Erprobungen dauerten bis Dezember 1940. Dabei wurden auf der Strecke Hamburg - Kirkenes auch gleich Transportaufträge der Luftwaffe erfüllt. Die Maschine erhielt einen tarnfarbenen Anstrich und die Kennung CC+EQ. Außerdem erhielt die Maschine eine 2,30 x 2,10 m große Frachttür an der Steuerbordseite. Sie flog bis 19. August 1941 insgesamt sieben Mal von Hamburg nach Kirkenes und transportierte dabei 65.000 kg Nachschub nach Norden und 221 Verwundete in die Heimat. Bei diesen Flügen wurden insgesamt 30.000 km zurückgelegt. Nach einer Grundüberholung in Hamburg verlegte das Boot nach Athen, von wo es Nachschubgüter für das deutsche Afrika-Korps nach Derna flog. Zwischen dem 16. Oktober und dem 6. November 1941 wurde die Strecke insgesamt siebzehn Mal zurückgelegt, dabei 30.000 kg Nachschub nach Afrika und 515 Verwundete nach Griechenland gebracht. Da die BV 222 unbewaffnet war, erhielt sie auf ihren Flügen Begleitschutz durch zwei Me 110.

Als Ergebnis dieser Truppenflüge wurde festgestellt, daß die Instabilität des Flugzeuges trotz aller Verbesserungen noch nicht ganz behoben war und daß die vier Bramo 323-Triebwerke nicht immer einwandfrei liefen. Trotzdem konnten die Leistungen der Maschine überzeugen. Die Geschwindigkeit betrug 385 km/h in 4.500 km/h, die Reichweite betrug 7.000 km. Im Winter 1941 / 42 befand sich die Bv 222 V-1 in Travemünde zur Generalüberholung. Bei dieser Gelegenheit erhielt das Flugboot auch eine Bewaffnung, bestehend aus einem 7,92-mm MG 81 im Bootsrumpf,  zwei 13 mm MG 131 in Drehtürmen auf der Bootsoberseite und vier weiteren MG 81 in Seitenständen. Die neue Kennung für die V-1 lautete nun X4+AH. Die Maschine bildete den Grundstock für die neu aufgestellte Luft-Transport-Staffel 222, die dem Kampfgeschwader z.b.V. 2 unterstand. In den Jahren 1942 und 1943 flog die Maschine weitere Einsätze im Mittelmeerraum, bis sie schließlich Mitte Februar 1943 bei einer Landung in Athen mit einem dicht unter der Wasseroberfläche liegenden Wrack kollidierte. Dabei wurde der Rumpf aufgerissen, die Maschine sank binnen weniger Minuten.

BV 222 V-2, Werknr. 366, erstes Kennzeichen CC+ER, führte ihren Erstflug am 7. August 1941 durch. Sie hatte einen verstärkten Rumpfboden mit fünf Hilfsstufen unmittelbar hinter der Hauptstufe, um so die Starteigenschaften des Flugbootes zu verbessern. Die V-2 sollte eigentlich bei der Kriegsmarine als Langstreckenaufklärer eingesetzt werden. Die Luftwaffe beharrte jedoch auf dem Einsatz der Bv 222 als Transporter, da Transportraum bereits zu dieser Zeit knapp war. Nach eingehender Erprobung wurde die Maschine am 10. August 1942 von der Luft-Transport-Staffel 222 mit dem Kennzeichen X4+BH übernommen. Sie erhielt zusätzlich zu der bei der V-1 eingebauten Bewaffnung zwei Hängestände unter den Tragflächen mit je zwei MG 131. Bei der Erprobung in Travemünde stellte man aber fest, daß der durch diese verursachte Luftwiderstand die Geschwindigkeit stark herabsetzte, sie wurden wieder ausgebaut. Am 16. September 1943 wurde die Maschine nach einer gründlichen Inspektion der 1. (F) Aufklärungs-Gruppe 129 in Biscarosse zugeteilt. Am 25. September 1943 führte die V-2 einen ersten Aufklärungsflug von 19 Stunden Dauer durch. Die Maschine stand bis Kriegsende im Einsatz und wurde dann von britischen Truppen erbeutet. Diese erprobte die Bv 222 ausgiebig und sprengte sie dann in Trondheim.

In der Zwischenzeit war das dritte Boot, BV 222 V-3, erstes Kennzeichen DM+SD, Werknr. 439, nach dem Erstflug am 28. November 1941 bereits am 9. Dezember 1941 von der Luft-Transport-Staffel 222 übernommen worden und erhielt das Kennzeichen X4+CH. Zwischen Januar und März 1942 führte BV 222 V-3 21 Versorgungsflüge von Tarent und Brindisi nach Tripolis durch. Bei der Luft-Transport-Staffel 222 hielt man die Bewaffnung der Bv 222 für überflüssig, so dass alle Maschinengewehre bis auf den Bugstand mit seinem MG 81 wieder ausgebaut wurden. Nach dem Unfall der BV 222 V-1 in Athen ging die V-3 nach Hamburg zurück, wurde mit einer starken Bewaffnung versehen und dem Fliegerführer Atlantik unterstellt. Hier wurde die Maschine als Fernaufklärer für die Kriegsmarine unterstellt. Im Juni 1943 wurde sie von englischen Jagdbombern auf der Reede von Biscarosse in Frankreich vernichtet.

Die Flugboote bewiesen bei ihren Einsätzen über dem Atlantik immer wieder ihre hohe Einsatz- und Leistungsfähigkeit, die zu Flügen bis zu 33 Stunden befähigte. Die Möglichkeiten der Fernaufklärer zur Erfüllung ihrer Einsätze nahmen mit dem Einsatz gegnerische Flugzeugträger bei den Geleiten ab. Die Aufklärungs-Maschinen hatten eine stärkere Armierung, bestehend aus zwei MG 151 in Drehtürmen DL 151 oben sowie zwei MG 81 in Seitenständen und ein MG 131 Steuerbord sowie die neueste deutsche Technik an Bord: Funkausrüstung: FuG 200 »Hohentwiel« zur Schiffsortung, FuG 16 Z zum Leitstrahl-Zielanflug, FuG 25 A als Freund/Feind-Erkennungsgerät und FuG 101 A als Höhenmeßgerät.

Die nächsten Prototypen wurden ebenfalls der Luft-Transport-Staffel 222 zugeteilt. Im einzelnen waren dies:

BV 222 V-4 mit neuem Höhenleitwerk. Das Boot wurde im Afrika-Nachschubdienst eingesetzt und dabei am 10. Dezember 1942 bei einem Angriff englischer Jäger schwer beschädigt. Danach wurde die Maschine zum Aufklärungsdienst über dem Atlantik abgestellt. Bei Kriegsende wurde das Flugboot in der Kieler Bucht von der eigenen Besatzung gesprengt.

Der Prototyp Bv-222 V-5 war mit einem Bramo 323 R2 Fafnir-Sternmotor ausgestattet. Er absolvierte seinen Erstflug am 3. Juli 1942 und wurde nach ihrer Indienststellung im März 1943 in Finnland als Transporter eingesetzt und in Petsamo stationiert.  Nach einem Unfall wurde sie in die Heimat verlegt. In Travemünde erhielt die Maschine eine stärkere Bewaffnung und einige Verstärkungen der Zelle. Ab dem 7. Juli 1942 unterstand die Maschine mit der Kennung X4+EH der Lufttransportstaffel See 222. Im Mai 1943 wurde sie dem Fliegerführer Atlantik zugeteilt und als Fernaufklärer eingesetzt. Die Maschine wurde am 20. Juni 1943 gemeinsam mit der Bv 222 V3 in Biscarosse/Frankreich durch englische Jabos vernichtet.

Der Prototyp Bv-222 V-6 absolvierte seinen Erstflug am 19. August 1942 und wurde am 21. August 1942 mit der Kennung X4-FH in Dienst gestellt. Sie unterstand der Lufttransportstaffel See 222 und wurde als Transporter nach Afrika eingesetzt. Am 24. November 1943 wurde die Maschine von drei Beaufighter VI der No 272nd Sqdn. der RAF etwa 60 km vor der Insel Linosa auf dem Weg von Tarent nach Tripolis abgefangen. Zwischen Linosa und Panteleria stürzte die Maschinen brennend in die See und explodierte. Dabei kamen die acht Besatzungsmitglieder der Maschine und 50 Passagiere ums Leben.

Der Prototyp Bv 222 V-7 mit der Kennung TB+QL war der erste Prottyp der C-Serie. Er wurde auch als Bv 222 C-07 bezeichnet. Er wurde mit Schweröl-Dieseltriebwerken Jumo 207 C mit 680 PS ausgerüstet. Die Triebwerke erwiesen sich aber als störanfällig und unzuverlässig. Erstflug war der 14. April 1943. Am 16. August 1943 wurde die Maschine vom Fliegerführer Atlantik übernommen und blieb dort bis Kriegsende im Einsatz. 1944 wurde mit diesem Boot die Betankung auf hoher See erprobt. Dabei wurde die V-7 von dem Unterseeboot UD-4 betankt. Die Ergebnisse verliefen jedoch nicht zufriedenstellend. 1945 wurde das Boot von der eigenen Besatzung in Travemünde versenkt.

Der Prototyp Bv-222 V-8 war mit Bramo 323 R2 Fafnir-Sternmotoren ausgerüstet und absolvierte seinen Erstflug am 20. Oktober 1942. Am 26. Oktober 1942 wurde die Maschine mit der Kennung X4-HH an die Lufttransportstaffel See 222 abgegeben und für den Transporteinsatz nach Afrika eingesetzt. Am 10. Dezember 1942 wurde die Maschine südlich von Malta durch Bristol Beaufighter abgeschossen.

Die Ausführung B der BV 222 war als Zivilvariante geplant und blieb daher Projekt.

Von der oben erwähnten C-Serie wurden neun Stück begonnen, aber nur fünf fertig gestellt. Die Maschinen hatten einen Komplettpreis von rund 1,7 Millionen Reichsmark pro Stück.

Bv 222 V-9 oder Bv 222 C-09 war mit Junkers Jumo 207-C-Dieselmotoren ausgerüstet. Sie wurde dem Fliegerführer Atlantik am 23. Juli 1943 übergeben und nach dem Rückzug aus Frankreich von norwegischen Stützpunkten aus zur Fernaufklärung eingesetzt. Bei Kriegsende befand sich die Maschine mit asgebauten Triebwerken in Travemünde an Land, wo sie von alliierten Truppen erbeutet wurde.

Bv 222 V-10 oder Bv 222 C-10 war ebenfalls mit Junkers Jumo 207 C-Dieselmotoren ausgestattet und absolvierte ihren Erstflug am 17. Juli 1943. Sie stand mit der Kennung TB+QN als Fernaufklärer beim Fliegerführer Atlantik im Einsatz. Am 8. Februar 1944 wurde die Maschine bei Bicarosse durch eine Mosquito II der RAF abgeschossen.

Bv 222 V-11 oder Bv C-11 war ebenfalls mit Junkers Jumo 207 C-Dieselmotoren ausgestattet und absolvierte ihren Erstflug am 16. Oktober 1943. Sie stand mit der Kennung TB+QO als Fernaufklärer beim Fliegerführer Atlantik im Einsatz. Sie fiel den Amerikanern unbeschädigt in die Hände und wurde zu ausführlichen Erprobungen in die USA überführt, wo das Boot nach Abschluß der Tests verschrottet wurde.

Bv 222 V-12 oder Bv C-12 war ebenfalls mit Junkers Jumo 207 C-Dieselmotoren ausgestattet und absolvierte ihren Erstflug am 23. November 1943. Sie stand mit der Kennung DL+TX als Fernaufklärer beim Fliegerführer Atlantik im Einsatz. Bei Kriegsende wurde die Maschine in Norwegen von britischen Truppen erbeutet und 1945 nach Großbritannien überführt, wo sie nachgeflogen und im April 1947 verschrottet wurde.

Bv 222 V-13 oder Bv C-13 war mit Junkers Jumo 207 C-Dieselmotoren ausgestattet und absolvierte ihren Erstflug am 14. April 1944. Sie erhielt die Kennung DL+TY, wurde aber nicht mehr eingesetzt. Der Verbleib des Bootes ist unklar.

Bv 222 C-14, C-15, C-16 und C-17 verfielen dem durch das Jägernotprogramm verursachten Baustopp. Sie befanden sich bei Kriegsende in verschiedenen Baustadien.

Bv 222 C-20 sollte die erste Maschine der E-Serie werden, wurde aber nicht mehr gebaut.

 

Typ: Transport- und Fernaufklärerflugboot

Flügel: Hochdecker

Besatzung: 10 Mann (Flugzeugführer, zweiter Flugzeugführer, Navigator, erster und zweiter Flugmaschinist, erster und zweiter Funker, drei Bordwarte.

Triebwerke:

A-Variante: sechs Bramo 323 R2 Fafnir 9-Zylinder Sternmotoren mit jeweils 1.200 PS Startleistung.

C-Variante: sechs wassergekühlte Junkers Jumo 207 C 6-Zylinder-Zweitakt-Zweiwellen-Schwerölmotoren. Als Höhenmotor dienste ein Abgas-Turbolader für 5.000 m Steigleistungshöhe und erbrachte bei 3.000 U/min eine Startleistung von 1.000 PS.

Hilfsmaschinenanlage: Als Hilfsmaschinenanlage diente in der Bv-222 C ein DKW-Bordaggregat BL 500 zur Stromerzeugung. Das Anlassen und Warmlaufen dieses Aggregates erfolgte mit Benzin, dann erfolgte die Umstellung der Treibstoffzufuhr auf den Dieselkraftstoff aus den Haupttanks.

Ausrüstung: Folgende Ausrüstungsgegenstände kamen bei verschiedenen Maschinen zum Einbau: Schiffssuchgerät FuG 200 Hohentwiel, ein Sprech- und Tastfunk- bzw. Zielfluggerät FuG 16Z (in Kmbination mit dem FuG 10) der Firma Lorenz für den Leitstrahl-Zielanflug, ein Rückwärtswarngerät FuG 216 Neptun der Firma FFO, ein Feinhöhenmesser FuG 101a der Firma Siemens, ein Kenn- und Abfragegerät FuG 25a Erstling der Firma GEMA, ein Peilgerät Peil G 6 und ein Funklandegerät FuBl 1.

Eigenschaften: 390 km/h Höchstgeschwindigkeit, Reisegeschwindigkeit in 5.000 m Höhe 345 km/h, 144 m/Min. Steigrate, Gewicht leer 30.650 kg, Startgewicht 50.000 kg.

Abmessungen: Spannweite: 46 m, Länge 37 m, Höhe 10,90 m. Höhe des Rumpfes: 5,67 m.

Tragfläche: Freitragende Ganzmetall-Tragfläche. Der Flügel wies einen dreiteiligen Aufbau aus und der fest mit dem Rumpf verbundene, rechteckige Mittelflügel verfügte bei einer Profildicke von 20% über eine Spanweite von 25,20 m. Die gesamte Spannweite betrug, wie oben beschrieben, 46,00 m. Die V-Stellung der Tragflächen betrug 2°.

Stützschwimmer: Die beiden geteilten Stützschwimmer waren im Abstand von je 15,75 m, ab der Bootsmitte gerechnet, an je einer kräftig ausgebildeten Rippe der Tragfläche montiert und stabilisierten das Boot auf dem Wasser. Bei waagerechter Lage des Flugbootes lagen die beiden Schwimmer genau 1 m über der Wasserlinie. Das Einfahren der Stützschwimmer in die Tragflächenunterseite erfolgte elektrisch über Seilzüge.

Rumpf: Der in Ganzmetall-Bauweise erstellte, zentrale "Bootskörper" mit seinen fünf "Hilfsstufen" nach der "Hauptstufe" und seinen insgesamt 63 Spanten wies eine Länge von 37 m auf, wobei 27 m auf den durch zwölf Schottspante unterteilten Unterwasserkielraum entfielen. 

Reichweite: Bei Seegang 1 mit Startraketen Betankung 17.000 Liter - Reichweite 6.300 km (C-Variante). Bei Seegang 1 ohne Startraketen Betankung 13.000 Liter - Reichweite 3.500 km (C-Varaiante)

Sonstiges: Startstrecke 1.200 m, Dienstgipfelhöhe 7.300 m.