Aufklärende Artillerie



Zur Ortung von aus verdeckten Feuerstellungen schießenden Geschützen waren schon im 1. Weltkrieg wirkungsvolle Aufklärungsverfahren entwickelt worden. Diese Methoden kamen  fast unverändert auch während des 2. Weltkriegs zur Anwendung, lediglich die notwendigen Fernmeldeverbindungen wurden durch die Weiterentwicklung der Funkgeräte verbessert und vereinfacht. Neben der rein optischen Beobachtung aus Fesselballonen, die immer stark durch feindliche Waffenwirkung gefährdet waren, kamen das Lichtmeß- und das Schallmeßverfahren zum Einsatz. Erst durch die Einführung der Artillerie-Beobachtungs-Radargeräte und der Zielaufklärungs-Drohnen nach dem 2. Weltkrieg haben diese Verfahren an Bedeutung verloren.


Beim Lichtmeßverfahren<> wurde die Lage von Zielen durch Winkelmessung mit speziellen Beobachtungsfernrohren von mindestens zwei im Gelände vermessenen Beobachtungspunkten aus bestimmt. Auf gleiche Weise wurden beim Einschießen eigener Artillerie Aufschläge oder Sprengpunkte eingemessen. Angemessen wurden optische Erscheinungen, die beim Abfeuern eines Geschützes entstehen, wie Mündungsfeuer oder Mündungsrauch oder eben die Rauchwolken oder der Feuerschein von Aufschlägen eigenen Artilleriefeuers. Für eine Meßbasis wurden 4 bis   5 Meßstellen und   1 Auswertestelle benötigt: Die Systembreite einer Meßbasis lag bei 7 bis 9 km, die Aufklärungstiefe je nach Gelände bei 13 bis 18 km, jedoch stark abhängig von Wetter und Sichtverhältnissen. Lichtmeßtrupps konnten auch zur Herstellung von Panoramabildern mit Rundbildkameras eingesetzt werden.
Das Schallmeß-Verfahren ist ein Zeitdifferenzverfahren. Die Meßstellen sind dabei nicht in einer Linie nebeneinander aufgebaut, sondern seitlich versetzt in der Tiefe gestaffelt. Die Zeitdifferenz zwischen der Schallwahrnehmung bei den verschiedenen Meßstellen wird für die Auswertung genutzt. Bei den gebräuchlichsten System sind in einiger Entfernung feindwärts vor der vordersten Meßstelle zwei "Vorwarner" eingesetzt, die den Knall zunächst aufnehmen und dadurch das eigentliche Meßsystem aktivieren. Bei der Auswertung müssen noch Witterungseinflüsse wie Temperatur und Wind durch Berichtigungsverfahren ausgeschaltet werden, da die Schallgeschwindigkeit von 333 m/s nur bei einer Lufttemperatur von 3,5° C, Windstille und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 78 % vorliegt. Die Auswertung und damit die Feststellung von Entfernung sowie Richtung zum Aufklärungsziel erfolgt nach mathematischen Verfahren, teilweise durch Anwendung graphischer Methoden (Hyperbelverfahren auf vorbereiteten Plänen).
Für eine Meßbasis wurden hier 4 bis  6 Meßstellen, 1 – 2 Vorwarnertrupps und 1 Auswertestelle benötigt. Die Systembreite einer Meßbasis lag bei 10 bis 12 km, die Aufklärungstiefe je nach Gelände bei 12 bis 15 km, wobei die Abhängigkeit vom Wetter deutlich geringer als beim Lichtmeßverfahren war. Der Geschoßknall wurde dabei von automatisch arbeitenden Registriergeräten aufgezeichnet, so daß subjektive Einflüsse, wie unterschiedliches Reaktionsvermögen der Beobachter weitgehend ausgeschaltet waren.

Beide Aufklärungsverfahren waren auf aktuelle und genaue Karten großen Maßstabs angewiesen, daher verfügte jede Einheit der Aufklärenden Artillerie über eigene Vermessungskräfte, teilweise auch über Möglichkeiten zum Herstellen von Karten und Plänen.
Licht- und Schallmeßverfahren ergänzten sich gegenseitig und wurden durch die Beobachtung aus Fesselballons oder Flugzeugen unterstützt.



Entwicklung der Aufklärenden Artillerie in der Wehrmacht:

Der Versailler Vertrag hatte neben der Schweren Artillerie auch die Aufklärende Artillerie als eigenständige Truppe verboten, lediglich schwache Vermessungstrupps in den Artillerieregimentern waren vorhanden. Das Lichtmeßverfahren konnte ohne besondere Schwierigkeiten durch Zusammenziehung mehrerer Beobachtungstrupp zumindest in geringem Umfang durchgeführt werden. Nach dem Abzug der Allierten Kontrollkommission wurden ab 1928 aus den bisherigen Ausbildungsbatterien der Artillerie-Regimenter u.a. Vermessungs-, Schallmeß- und Wetterdienste aufgestellt. Auch Teile der Fahrtruppe, die gliederungsmäßig bereits den Artillerieführern der Reichswehr-Divisionen unterstanden, wurden zur – zunächst noch geheimen – Aufstellung von Truppenteilen der Beobachtenden Artillerie herangezogen. So stellten zwischen 1929 und 1932 auf:
1. Fahr-Abteilung (Königsberg): den Stab einer Beobachtungs-Abteilung, eine Vermessungs- und eine Schallmeß-Batterie (alles mot.).
4. Fahr-Abteilung (Dresden): eine Schallmeß-Batterie (mot.).
5. Fahrabteilung (Ludwigsburg): Stab einer Beobachtungs-Abteilung (mot.)
6. Fahrabteilung (Hannover): eine Schallmeß-Batterie (mot.).
7. Fahrabteilung (München): den Stab einer Beobachtungs-Abteilung, zwei Vermessungs- und eine Schallmeß-Batterie (alles mot.).

Unter Tarnbezeichnungen, wie „Artillerie-Schule Jüterbog, Abt. B“ oder „Gebirgs-Fahr-Einheit“ entstanden daraus bereits am 1.5.1933 als eine der ersten Maßnahmen zur Heeresverstärkung vier Beobachtungsabteilungen, die bis Kriegsausbruch 1939 auf 24 Abteilungen und eine Lehrabteilung vermehrt wurden. Es war vorgesehen, jeder der aktiven Infanterie- bzw. Gebirgsdivisionen einschl. der Infanteriedivisionen (mot.) eine Beobachtungsabteilung zu unterstellen, was bei Kriegsausbruch durch Teilung der vorhandenen Abteilungen und Auffüllung mit Reservisten auch weitgehend durchgeführt wurde. Panzer- und leichte Divisionen hatten bei Kriegsausbruch keine Beobachtungs-Truppenteile, ebensowenig die Infanteriedivisionen der 2. bis 4. Welle.

Bereits im Dezember 1939 wurden die Beobachtungsabteilungen „Heerestruppe“, damit aus der festen Zuteilung zu Divisionen gelöst und nunmehr lagebezogen von den Armeen eingesetzt.
Im Winter 1939/40 wurden vier „Stellungs-Beobachtungs-Abteilungen“ für die am Oberrhein eingesetzten Divisionen aufgestellt. Diese Abteilungen waren wegen unzureichender Fahrzeugausstattung nur ortsfest einsetzbar. Weitere Abteilungen dieser Art entstanden später im Krieg und wurden größtenteils ab 1943 zu „Beobachtungs-Abteilungen (t.mot.)“ umgegliedert. Weiter kam es noch vor dem Frankreichfeldzug zur Aufstellung einiger selbständiger Lichtmeß- und Ballon-Batterien.
Unter Auflösung einiger Beobachtungs-Abteilungen erhielten die Panzerdivisionen im Dezember 1940 je eine Panzerbeobachtungs-Batterie mit Lichtmeß-, Schallmeß- und Vermessungs-Teileinheiten. Diese Maßnahme wurde im Dezember 1943 wieder rückgängig gemacht und die Batterien wieder zu Abteilungen zusammegefaßt.
Die verbliebenen Beobachtungs-Abteilungen gliederten 1942 unter Verlust der Vermessungsbatterie zu „leichten Beobachtungs-Abteilungen (mot.)“ mit Lichtmeß- und Schallmeß-Batterie, Ballonzug und Vermessungstrupps um. Auch die bisher selbständigen Ballonbatterien wurden zum gleichen Zeitpunkt aufgelöst.
Heeres-Artillerie-Brigaden und Volks-Artillerie-Korps, die ab Herbst 1944 zur artilleristischen Schwerpunktbildung aufgestellt wurden, sollten je eine Beobachtungsbatterie erhalten, diese Zuteilung ist aber nur noch teilweise erfolgt.

Bei der Aufklärende Artillerie wurden einige Fahrzeuge mit Sonderausstattungen eingesetzt:

a) auf Basis des mittleren Schützenpanzerwagen (Sd.Kfz 251):
251/12 Messtrupp u. Geräte-Panzerwagen (eingesetzt vor allem bei den Lichtmeßtrupps)
251/13 Schallaufnahme-Panzerwagen (Für Vorwarner- und Schallmeßtrupps)
251/14 Schallauswerte-Panzerwagen
251/15 Lichtauswerte-Panzerwagen

b) auf Basis des leichten Schützenpanzerwagens (Sd.Kfz 250):
250/5 Messtrupp-Panzerwagen (eingesetzt bei den Lichtmeßtrupps)

c) auf Pkw-Fahrgestellen:
Kfz 3 leichter Meßtrupp-Kraftwagen
Kfz 16 Meßtrupp-Kraftwagen (m.gl. Pkw)
Kfz 16/1 Vorwarner-Kraftwagen (m.gl. Pkw)

d) auf Lkw-Fahrgestellen:
Kfz 62 Kraftwagen für Schall-Aufnahme, Schall- oder Lichtauswertung (le.gl.Lkw)
Kfz 63 Meßstellen- oder Vorwarner-Kraftwagen (le.gl.Lkw)
Kfz 64 Vermessungsgerät-Kraftwagen (le.gl.Lkw)
Kfz 76 Beobachtungs-Kraftwagen (für Meßstellen und Vorwarner, m.gl.Lkw)
Gliederungen

Beobachtungsabteilung (motorisiert) – 1939 -

Stab und  Stabsbatterie:
Stab: Abteilungskommandeur und Offiziere des Stabes, Stabspersonal,
Batterietrupp
Nachrichtenzug mit Funk- und Fernsprechtrupps
Wetterzug
Druckereitrupp
Kfz-Instandsetzungsstaffel
Troß

1. (Vermessungs-) Batterie:
Überprüfen und ggf. Neuvermessen von Festpunkten zur Herstellung sicherer Schießgrundlagen. Mitwirkung beim Auswerten der Beobachtungsergebnisse der 2. bis 4. Batterie. Herstellen von Vermessungsunterlagen (Planpausen, Karten, Auswertepläne). Die Vermessungsbatterie konnte zur Herstellung von Karten usw. über den Druckereitrupp der Stabskompanie verfügen.
Batterietrupp
3 Vermessungszüge
Auswertezug (Erstellen von Karten und Plänen)
Kfz-Inst.Trupp
Troß

2. (Schallmeß-) Batterie:
Eingesetzt vor allem zur Ortung feindlicher Geschütze, seltener zum Einschießen eigener Artillerie.
Batterietrupp
Vorwarnerzug (Vorwarner liegen dicht hinter Front, zum rechtzeitigen Aktivieren der Schallmeßtrupps).
2 Schallmeßzüge (ausgestattet mit Mikrofonen und Registriergeräten, sowie Fernsprech- und Funktrupps)
Auswertezug (Bildet die Auswertezentrale und führt Meßplan)
Kfz-Inst.Trp
Troß

3. (Lichtmeß-) Batterie:
Eingesetzt sowohl zur Ortung feindlicher Artillerie wie auch zum Einschießen eigener Geschütze.
Batterietrupp
2 Lichtmeßzüge
1 Lichtmeß-Halbzug
Jede Teileinheit ausgestattet mit Funk- und Fernsprechtrupps, richtet Meßstellen zum Ermitteln der Richtungswinkel zu Sprengpunkten und Lichtblitzen ein.
Auswertezug (Richtet Auswertestelle ein, die den Meßplan führt und durch Auswertung der Ergebnisse der Meßstellen die Lage der feindlichen  Geschütze bzw. des eigenen Artilleriefeuers ermittelt).
Kfz-Inst.Trp
Troß

4. (Ballon-) Batterie (nur bei einem Teil der Abteilungen):
ausgerüstet mit Fesselballons (Steighöhe bis 1 000 m), Gaserzeugungs-Anlagen und leichtem Flak-Zug zum Schutz der Ballons gegen Luftangriffe.
Batterietrupp
Nachrichtenzug mit drei Funk- und drei Fernsprechtrupps
Ballonzug mit
-Ballontrupp
-Windentrupp (Zgkw 18 to mit 300 PS-Seilwinde auf Anhänger)
Auswertezug
I. und II. Gasstaffel
leichter Flak-zug mit 4 x 2 cm Flak.
Kfz.Inst.Trp
Troß
eichte Beobachtungsabteilung (motorisiert) – ab 1942 -

Stab und  Stabsbatterie:
Stab: Abteilungskommandeur und Offiziere des Stabes, Stabspersonal, Auswertetrupp.
Batterietrupp
Nachrichtenzug mit Funk- und Fernsprechtrupps
Wetterzug
Druckereitrupp
Kfz-Instandsetzungsstaffel
Troß

1. (Schallmeß-) Batterie:
 
Batterietrupp
Vorwarnerzug
Meßstellen-Staffel (ausgestattet mit Funktrupps)
Auswertezug
Vermessungs- und Fernsprechstaffel
Vermessungs-Auswerte-Trupp
Kfz-Inst.Trp
Troß

2. (Lichtmeß-) Batterie:
 
Batterietrupp
Meßstellen-Staffel (ausgestattet mit Funktrupps) Auswertezug
Vermessungs- und Fernsprechstaffel
Vermessungs-Auswerte-Trupp
Ballonzug mit Ballontrupp, Windentrupp, Gastrupp
Kfz-Inst.Trp
Troß

Literatur

Bochow, Martin: Schallmeßtrupp 51 - vom Krieg der Stoppuhren gegen Mörser und Haubitzen, Stuttgart 1933.-Dressel , Joachim / Griehl, Manfred: Deutsche Fessel- und Sperrballone 1900 – 1945. (=Waffen-Arsenal 149), Wölfersheim 1994
-Engelmann, Joachim / Scheibert, Horst: Deutsche Artillerie 1934 – 1945, Limburg 1974
-Fiedler, Herbert: Untersuchungen über die Genauigkeit der durch Schallmessung aufgeklärten taktischen Ziele. In: Allgemeine Vermessungs-Nachrichten. 1938.
-Froben, Hans-Joachim: Bausteine für die Ausbildung der Beobachtungsabteilung. München 1942
<>-Froben, Hans Joachim: Aufklärende Artillerie. Geschichte der Beobachtungsabteilungen und selbständigen Beobachtungsbatterien bis 1945. München<>  1972
-<>Hertel, Werner (Hrsg.): Beobachtungsabteilung 6. 1936 - 1945. Werdegang und Weg einer Heerestruppe. Dülmen 1965
-Holler, Georg: Die Beobachtungs-Abteilung 15 in Krieg und Frieden 1936 - 1945, Offenbach 1984
<>-Linnenkohl, Hans: Vom Einzelschuß zur Feuerwalze. Der Wettlauf zwischen Technik und Taktik im Ersten Weltkrieg. Koblenz 1990. S. 255 - 263.
-Müller, Theo / Art. Schule Bw (Hrsg.): Überblick über das Karten- und Vermessungswesen des deutschen Heeres von 1919 bis 1945. Idar-Oberstein 1972
-o.V.: Handbuch für Artillerieaufklärung, Berlin (Ost) 1989
-<>Reibert, W./Daub, Karl (Bearb.): Der Dienstunterricht im Heere, Bd 11: Ausgabe f. d. Kanonier der Beobachtungsabteilung. Berlin 1939.
-Sänger, Raymund: Artilleristische Schallmessung. Band 1. Schallausbreitung in der Atmosphäre und Auswertverfahren. Zürich 1938.
-Speisebecher, Wilhelm: Taschenbuch für Artilleristen. Koblenz 1977, S. 57 ff