Lottner, Kurt

 

* 30. Oktober 1899, Hamm / Westfalen * 15. März 1957, Bad Schwartau

 

Kurt Lottner tritt mit 10 Jahren in die preußische Kadettenanstalt Berlin-Lichterfelde ein. Am 22. Juni 1917 legt er dort sein Notabitur ab, wird am gleichen Tage zum Fähnrich ernannt  und in das Infanterie-Regiment Großherzog Friedrich Franz II von Mecklenburg-Schwerin

(4. Brandenburgische) Nr. 24 versetzt, am 27. Januar 1918 Beförderung zum Leutnant.

Teilnahme an den Kämpfen an der Westfront im I. Weltkrieg von Oktober 1917 bis November 1918, u.a. am Fort Douaumont (Verdun).  Als Führer von kleinen Nachhuten, die das schnelle Vordringen des Gegners verhindern sollen, um der eigenen Truppe Zeit zu verschaffen für einen möglichst geordneten Rückzug, wird er für erfolgreiche und tapfere bewegliche Kampfführung mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet.

Nach Beendigung des I. Weltkrieges Übernahme in die Reichswehr, Versetzung zum Infanterie-Regiment 24, Verwendung zunächst als Adjutant.

1. September 1925 Beförderung zum Oberleutnant und am 1. August 1933 zum Hauptmann, inzwischen abgestellt zur Stadtkommandantur Berlin.

1. Oktober 1933 bis 30. September 1935 Besuch der Kriegsakademie Berlin, anschließend Versetzung nach Frankfurt/Oder und Beförderung zum Major.

12. Oktober 1937 Chef des Stabes im Infanterie-Regiment 65 in Verden an der Aller und am 15. Juli 1938 Versetzung als 1. Generalstabsoffizier nach Lübeck zur 30. ID.

Zwischenzeitlich Teilnahme am Einmarsch in das Sudetenland. Mit der 6. Infanterie-Division - Standort Lübeck - nimmt er mit dem Dienstgrad Oberstleutnant als erster Generalstabsoffizier (Ia) des populären Generals von Briesen am Polenfeldzug teil. Die Tätigkeit als Operationsoffizier (Ia) übt er ferner bei der Besetzung Jütlands und im Feldzug gegen Frankreich in verschiedenen Divisionen aus, u.a. der 170 ID und 236. ID.

Von Mai 1941 bis November 1941 ist er als Verbindungsoffizier zwischen der deutschen 11. Armee  und der 3. rumänischen Armee eingesetzt, die letzten 6 Wochen aber schon wieder als Vertreter des erkrankten Chefs L IV. A.K. Ausgezeichnet vom rumänischen König mit dem Tapferkeitskronenorden „König Michael der Tapfere mit Schwertern“. Zu einer unerwarteten Wiedersehensfreude durch zufälliges Zusammentreffen mit „seinem alten Haufen“, den Soldaten der 170. ID, kommt es in der Nogaischen Steppe im Nordkaukasus. An dieses Ereignis erinnern sich gerne viele Kameraden bei den Divisionstreffen in den 60er Jahren. Gerne wird hier Lottners Ausspruch zitiert: „Im Kampfgeschehen ist  der Ia der große Unbekannte für den Gegner“. Am 2. März 1942 wird er „Beauftragt mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Gen.St.-Chefs XII AK“. Zu einer Ernennung kommt es nicht, da er u.a. auf eigenen Wunsch ein Truppenkommando erhält.

Zeitraum vom 3. April 1942 bis 22. September 1943

Oberst i.G. Kurt Lottner übernimmt am 03.04.42 als Kommandeur das Infanterie-Regiment 111 im Verband der 35. Infanterie-Division. Das Regiment liegt zu diesem Zeitpunkt im Rschewer Bogen in der Gshatsker Stellung - ca.160 km westlich Moskau - am Feind und wehrt in den nächsten Monaten in harten Stellungskämpfen (bis zum 2. März 1943) alle Angriffe des Gegners ab. Aber sein Einsatzabschnitt wird immer größer, je mehr Kräfte von der Heeresgruppe zu anderer Verwendung herausgezogen werden. Trotzdem leistet das Regiment einen erheblichen Beitrag zu den Entscheidungen bei Rhew, Bellyi und Sytschewka, wo von Juli bis Dezember 1942 die im Rücken der deutschen 9. Armee stehenden Feindkräfte aufgerieben oder aus sicheren Stellungen abgeriegelt werden.

Am 7. November 1942 teilt das OKH mit, dass die Infanterie-Regimenter 109 und 111 (Lottner) in „Grenadier-Regimenter“ und das I.R.34 in „Füsilier-Regiment 34“ umbenannt sind. Bis Mitte November 1942 wird im Divisionsbereich eine durchlaufende Grabenstellung von 9 km Länge und zusätzlich Riegelstellungen aus Erdwällen und festem Schnee errichtet.

Nach der Schlacht von Stalingrad gibt Hitler endlich dem Drängen seiner Heerführer nach und erteilt die Genehmigung zur Räumung des „Rschewer Bogens“ und den Rückzug auf die „Büffelstellung“. Das Ziel dieser Maßnahme ist die Verkürzung der Front auf die Linie

Spas Demensk - Dorogobusch - Duchowstschina , die dann auch tatsächlich eine Einsparung von zweiundzwanzig Divisionen zur Folge hat. Kurt Lottner wird am 27.01.1943 mit der Leitung eines Baustabes beauftragt, um die neuen Stellungen im Raume südlich Dorogobusch  für die 35. Infanterie-Division vorzubereiten. Gleichzeitig beginnt der Abtransport von 2200 t an Vorräten und Munition nach Dorogobusch. 

Mitten in diese Vorbereitungen greift der Russe vom 22. bis 27. Februar mit sehr starken Kräften an, es gelingt ihm aber lediglich ein Einbruch im Divisions-Abschnitt von 500 m Breite und 400 m Tiefe. Eine Bereinigung erfolgt nicht mehr, da der Raum sowieso aufgegeben werden soll. Bei einem dieser Angriffe mit Unterstützung von 40 Panzern, Pak und Artilleriefeuer schießt ein Unteroffizier von der 14./GR 111 mit seiner 5-cm Pak allein 11 Panzer ab. 

Kurt Lottner kehrt erst wenige Tage  vor Beginn der Ausweichbewegung auf die Büffelstellung zu seinem Regiment zurück. Er wird sofort zum Schließen der Einbruchslücke eingesetzt, kann aber nur abriegeln. Durch die dünn besetzten Stellungen seines III. Bataillons sickert im Schutze der Dunkelheit unerkannt ein russisches Schneeschuhbataillon, welches erst bei Leskino - 4 km hinter der HKL - durch andere Kräfte der Division gestellt und vernichtet wird (später werden 320 gefallene und 30 gefangene Russen eines Garde-Ski-Schützen Bataillons gezählt).

 Mit Beginn der Ausweichbewegung stößt der Feind sofort mit starken Kräften in Richtung Gshatsk nach.  Im Verlauf des weiteren Rückzugs entstehen dadurch besondere Schwierigkeiten, da die auf Schlitten umgestellte Division ab Wjasma schneefreie Straße vorfindet.

Trotz ständiger Abwehrkämpfe  aus Widerstandslinien gegen nachdrängende Russen, besetzt Lottner mit seinem Regiment die Büffelstellung planmäßig nach ca. 14 Tagen Rückzugskämpfen und hat dabei in diesen Tagen ca. 160 km zurückgelegt. In der neuen Hauptkampflinie kommen auf ca. 1000 m noch 80 Soldaten.  Danach werden alle Regimenter bis zum Beginn der Schlammperiode mit 2 Bataillonen in vorderster Linie in der Reihenfolge Grenadier-Regiment 109,  Grenadier-Regiment 111 und Füssilier-Regiment 34 eingesetzt.

Inzwischen ausgezeichnet mit dem „Deutschen Kreuz in Gold“, dem „Infanterie-Sturmabzeichen“ und vieler anderer Auszeichnungen sind  die folgenden Monate durch einen relativ „ruhigen“ Stellungskrieg gekennzeichnet, bis der Feind Anfang August mit starken Kräften die Büffelstellung angreift, zunächst aber abgewehrt werden kann. Aufgrund des stark überlegenen Gegners beginnen ab September Rückzugsbewegungen der Division und die Besetzung neuer Verteidigungsstellungen.  Der Druck des Feindes ist so stark, dass das Grenadier-Regiment 111 unter der Führung von Kurt Lottner gleichzeitig mit dem Gegner an der neuen Abwehrstellung entlang des Ustroms eintrifft.

 Am 18. September räumt die Division befehlsgemäß die Ustromstellung wieder -  unbemerkt vom Feind  - und bezieht neue Abwehrstellungen mit linker Grenze südlich der Dnjepr-Sümpfe. (die Sümpfe sind unpassierbar, dienen  Partisanenverbänden aber als Unterschlupf). Kurt Lottner wird mit seinem Regiment am rechten Flügel der 35. I.D. - mit Anschluss an die 252. Division - eingesetzt. Drei Tage lang wird in schweren Kämpfen stärksten russischen Angriffen standgehalten. An dieser Nahtstelle  erzielt der Gegner dann in der Nacht vom 21. auf den 22. September 1943 einen Durchbruch. Oberst Lottner fasst alle greifbaren Kräfte seiner und der Nachbardivision zu einer Kampfgruppe zusammen und trifft selbständig von sich aus alle Maßnahmen, um die Lage am linken Flügel der 252. Division wieder herzustellen. Leider ist der Gegner auch weiter südlich durchgebrochen und der Feind steht am Morgen des 22. September in einer Breite von 4 km an der Bahnlinie Smolensk - Roslawl, wodurch Kurt Lottners Grenadier-Regiment 111 seinen Südflügel bis in die Höhe des Regimentsgefechtsstandes umbiegen muss. Die Schlacht um Smolensk hat damit ihren Höhepunkt erreicht, der Bogen ist überspannt.

 Am Nachmittag 22. September 1943 bricht die Front der 35. ID auseinander, bevor sie sich hinter den Fluss Sosch absetzen und neue Abwehrstellungen beziehen kann. Teilweise wird nur noch in Kampfgruppen gekämpft. Kurt Lottner wird durch die Panzergranate eines sowjetischen Panzers vom Typ T 34 und einen Gewehrschuss schwer verwundet. Kameraden seines Regiments bergen ihn aus der vordersten Frontlinie und veranlassen die Einlieferung in ein Lazarett. In Brest  Litowsk muss das linke Bein am Oberschenkel amputiert werden.

 Die Verluste der 35. Infanterie-Division sind insgesamt sehr hoch. 100 Offiziere, 3500 Unteroffiziere und Mannschaften sind seit dem 6. August gefallen, verwundet oder vermisst. 

Seit seiner Entlassung aus dem Lazarett  - einschl. einer langen Genesungszeit im Lazarett Arnstadt /Thüringen bis Oktober 1944 - hält sich Kurt Lottner als nicht dienstfähig in seiner Wohnung in Bad Schwartau auf und wird am 10. Januar 1945  in die Armee-Oberkommando-Führer-Reserve übernommen und zum Generalmajor befördert.

Im April 1945 ist Lübeck vergleichsweise wenig zerstört, nach den schweren Luftangriffen vom Palmsonntag 1942 bleibt die Stadt weitgehend unbehelligt. Doch die Front rückt näher und Lübeck soll auf jeden Fall laut Führerbefehl verteidigt werden. Sprengladungen stecken in über 60 Brücken und fünf Kilometer Kaianlagen. Die Verkehrsanlagen und Häfen  sollen dem anrückenden Feind nicht in die Hände fallen - und wenn, dann nur als Trümmer. Auch Bahnhof und Fabriken werden für die Verteidigung hergerichtet, heißt es in den Befehlen für den Kampfkommandanten. Selbst der Moment für die Zerstörung der Infrastruktur ist festgelegt: „Wenn der Gegner die Elbe überschreitet“.

Lübeck selbst ist zu dieser Zeit überfüllt mit Flüchtlingen, die immer zahlreicher in die Stadt drängen.

In dieser Lage wird Kurt Lottner in seiner Wohnung in Bad Schwartau Anfang April 1945 von Oberst Keßler - Stadtkommandant von Lübeck - aufgesucht. Er erfährt von dessen Auftrag zur Verteidigung der Stadt und den vielen hierzu ergangenen Befehlen, die nur eine völlige Vernichtung der Stadt und Bevölkerung zur Folge haben kann. Keßler erwartet außerdem seine Versetzung in den Raum Osnabrück.

Kurt Lottner entschließt sich sofort, energisch um seine Aktivierung nachzusuchen. Seine Bitte, ihn zum „Kommandanten des Schutzbezirkes Lübeck“ zu ernennen, wird letztlich vom Generalkommando X, Hamburg, trotz ganz erheblicher Bedenken wegen seines Gesundheitszustandes, genehmigt. So übernimmt er Anfang April 1945 sein letztes Kommando als Kampfkommandant von Lübeck. Der Schutzbezirk um fasst der Raum Nordrand Ratzeburger See - Flugplatz Blankensee - Schönberg - Dassow - Travemünde - Schwartau - Reinfeld - Siebenbäumen - Krummesse

Zur Verteidigung stehen zur Verfügung: Ersatztruppenteile, Fliegerhorst Blankensee, Schiffsbesatzungen der Marine, 5000 Mann Volkssturm, Hitlerjugend, ein großer Pionierstab mit 2 Kompanien für Sprengungen aller Art. Ferner sind durch General der Infanterie Gollnick 2-3 Divisionen zugesagt (mindestens eine davon aus Dänemark), von denen erste Teile bereits ausgeladen werden.

Generalmajor Kurt Lottner ist fest entschlossen, die Durchführung der ergangenen Befehle zu verhindern. Diese entsprechen in keiner Weise seiner soldatischen Auffassung und werden von ihm als sinnlos und verbrecherisch angesehen. Er sieht die Stadt mit dazugehörigen Dörfern als „offene Stadt“ an, in der die Zivilbevölkerung anwesend und mit Flüchtlingen überfüllt ist. Untergeordnete Offiziere bedrängen eigenmächtig höhere Dienststellen, für die Bevölkerung lebenswichtige Brücken nicht zu sprengen, wofür auch eine Genehmigung erteilt wird.  Am 1. Mai gibt Kurt Lottner den entscheidenden Befehl (am 30.04.45 an einige Dienststellen mündlich voraus) zur Entfernung aller Sprengladungen an den Brücken und Kaianlagen, gleichzeitig zieht er seine Kampftruppen aus der Stadt ab, und verlegt sie ostwärts. Den Volkssturm hat er gar nicht erst aufgerufen. Trotzdem steht Lübecks Schicksal noch einmal auf der Kippe. General Hans Gollnick vom übergeordneten Armeekorps unterstellt den Schutzbezirk Lübeck seinem Kommando und befiehlt Lottner auf dessen Geschäftszimmer am Moltkeplatz mündlich, persönlich, sofort die Sprengladungen an Brücken und Verkehrsanlagen wieder anzubringen. Er will tatsächlich Lübeck vor den anrückenden Engländern verteidigen. Allerdings haben seine anrückenden Divisionen zu diesem Zeitpunkt Lübeck noch nicht erreicht. Am 2. Mai vormittags bittet Lottner den Oberbürgermeister der Stadt Lübeck zu sich. Dieser nimmt seinen Entschluss ohne Einwendungen zur Kenntnis. Da Lübeck eine „offene Stadt“ und keine Festung ist wird vereinbart, dass der Oberbürgermeister die Bevölkerung hierüber unterrichtet, dem herannahenden Gegner entgegen geht und die kampflose Übergabe mitteilen soll. Ersteres ist geschehen, die Mitteilung an den Gegner scheint unterblieben zu sein.

Die englischen Panzerspitzen rücken am Nachmittag des 2.  Mai in Lübeck ein.  Sie treffen in der Stadt praktisch auf keinerlei Widerstand, es gibt aber auch keine Kapitulation. Kurt Lottner wird auf seinem Geschäftszimmer von den Briten gefangen genommen, was ihm vielleicht das Leben gerettet hat. Beim schnelleren Einrücken der deutschen Truppen hat ihm das Standgericht gedroht, und Lübeck möglicherweise eine verheerende Zerstörung. Der englische Offizier, der Kurt Lottner nach Lüneburg in Kriegsgefangenschaft bringt, sagt während der Fahrt zu ihm in deutscher Sprache: Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Entschluss, Lübeck ohne Kampf zu übergeben. Wäre es zum Kampf gekommen, unsere Bomber standen bereit“.  

Später schreibt Kurt Lottner: „Das Ringen zwischen Eid und Gewissen war eine ungeheure Belastung. Selbstverständlich gab das Gewissen den Ausschlag. Es galt nur noch, mir anvertrautes Leben und das Gut der Heimat zu erhalten“.

Für Lottner beginnt aber eine bittere Zeit. Bilder aus dem „Special Camp 11 Islandfarm“ in England zeigen ihn einbeinig mit Krücke. Erst im November 1947 kehrt er zurück nach Deutschland, als „entlastet“ eingestuft. Er lebt wieder in Bad Schwartau, sucht im Sommer 1948 bei der Lübecker Stadtverwaltung vergebens um eine Anstellung nach. „Bei aller Würdigung Ihrer Verdienste fühle sich Lübeck außerstande, ihn zu beschäftigen“, teilt ihm der Oberstadtdirektor mit. 

Ritterkreuz (14. Oktober 1943)

Text von U. Philipsen