Gewehrgranatgerät

 

Zur Bekämpfung von Zielen, die sich außerhalb der Handgranatenreichweite befanden, benötigte die Infanterie eine Waffe, die den Einsatz von Granatwerfern überflüssig machte, da diese nicht immer vorhanden sein konnten. Daher wurde für den Karabiner 98 und das Sturmgewehr das Gewehrgranatgerät entwickelt. Die Waffe konnte, mit verschiedener Munition, sowohl gegen Panzer, Stellungen und Infanterie eingesetzt werden. Allerdings war die Durchschlagsleistung gegen Panzer unbefriedigend, gegen Ende des Krieges war die Panzer-Munition vollkommen nutzlos. Bis Kriegsende wurden 38,75 Millionen Stück Munition produziert.

Das auch als »Schießbecher« bekannte Gerät bestand aus einem gezogenen Lauf mit dem Kaliber 30 mm. Das 250 mm lange und 0,75 kg schwere Gerät wurde auf die Mündung des Gewehres geklemmt. Die Granaten wurden dann von der abgefeuerten Patrone, die hier aus Holz war, mitgetragen und erreichten Weiten von etwa 300 m. Das Zielen erfolgte über eine etwas komplizierte Visiereinrichtung. Die Skala der Visierung reichte bis zu 250 m weit.

Für das Gewehrgranatgerät lagen unterschiedliche Granatarten vor:

Spreng-Munition

Die Gewehrgranate mit Kopfzünder AZ 5071, Brennzünder und Verzögerungszünder diente zur Bekämpfung von Zielen hinter Deckungen, in Schützenlöchern, Häusern und Bunkerscharten. Die maximale Reichweite betrug 280 m, also 30 m mehr, als die Visiereinrichtung erlaubte. Die Granate wog 288 g und hatte 31 g Sprengstoff-Anteil. Sie detonierte bei Aufprall oder mit einer Verzögerung von 6 ½ Sekunden.

Die Gewehrgranate »Weitschuß« mit Kopfzünder AZ 5071 und Brennzünder wurde für Weiten bis zu 500 m benutzt. Dafür wurde die Treibladung um 50 % auf 1,5 g erhöht, während die Sprengkraft gleichblieb. Es erforderte einiges an Übung, um diese Granate ohne Visierung zu verschießen. Als Verbesserung gab es die Granate mit Kopfzünder AZ 5097, der weniger Versager verursachte und bei jedem Auftreffwinkel detonierte.

Die Gewehrsprenggranate ÜB diente zum Übungsschießen. Anstatt einer Sprengladung trug das Geschoß einen Rauchsatz, mit dem Flugbahn und Auftreffen aufs Ziel genau beobachtet werden konnten.

Panzer-Munition

Die Gewehrpanzergranate 30 diente zur Bekämpfung von gepanzerten Zielen. Das Geschoß wog 245 g, die Treibladung betrug 1,1 g. Die Granate hat sich nicht bewährt, da ihre Trefferwirkung zu gering war. Sie wurde durch größere Ausführungen abgelöst.

Die Große Gewehrpanzergranate (GGP) 40 hatte eine nach vorne gerichtete Explosionswirkung und durchschlug bei einem Auftreffwinkel von 60° eine Panzerung von 80 mm. Da die Trefferchancen bei steigender Entfernung aber abnahmen, war die optimale Kampfentfernung etwa 100 m bei stehenden Zielen und 75 m bei beweglichen Zielen. Eine nervenaufreibende Sache für den Schützen! Stabilisiert wurde das Geschoß durch den Drall beim Verlassen aus dem Schießbecher. Die Treibpatrone hatte eine extrem hohe Treibladung von 1,9 g.

Die SS-Gewehrpanzergranate 46, eine Entwicklung der SS, war ein Hohlladungsgeschoß und konnte Panzerungen bis zu 90 mm durchschlagen. Sie war 195 mm lang, hatte einen Durchmesser von 46 mm und wog 440 g.

Die SS-Gewehrpanzergranate 61 war ebenfalls ein Hohlladungsgeschoß und konnte Panzerungen bis zu 120 mm durchschlagen. Die war 238 mm lang, hatte einen Durchmesser von 61 mm und wog 530 g.

Die Große Gewehrpanzergranate ÜB diente zum Übungsschießen. Anstatt einer Sprengladung trug das Geschoß einen Rauchsatz, mit dem Flugbahn und Auftreffen aufs Ziel genau beobachtet werden konnten. Sie war durch ihren roten Geschoßkopf zu unterscheiden.

Die Gewehrpanzergranate war ein Hohlladungsgeschoß zur Panzerbekämpfung, das bei der Firma HASAG gefertigt wurde. Das 520 g schwere Geschoß war  234 mm lang und 60 mm breit. Die Hohlladung wog 175 g und konnte 40 mm dicke Panzerplatten durchschlagen. Durch eine 6-Flächen-Leitwerk-Stabilisierung wurde das Flugverhalten stark verbessert. Später wurden die Hohlladungen verstärkt und die Granaten konnten noch mit Kampfstoff befüllt werden.

Spezialmunition

Die Gewehrblendgranate 42 trug in einem Blechkörper eine Blendflüssigkeit, die durch das Auslösen durch den Aufschlagzünder chemisch reagierte. Die Granate diente dazu, gegnerischen Fahrzeugen die Sicht zu nehmen und dadurch einen taktischen Vorteil zu erreichen. Die Treibpatrone hatte eine 1,7 g oder eine 1,5 g Treibladung.

Die Gewehrnebelgranate 42 diente dazu, eigene Stellungen einzunebeln oder dem angreifenden Gegner die Sicht auf die eigene Stellung zu nehmen. Sie glich im Aufbau der Gewehrblendgranate.

Die Gewehrfallschirmleuchtgranate diente zur Beleuchtung von Zielen bis zu einer Entfernung von 650 m. Der an einem Fallschirm zur Erde schwebende Leuchtsatz hatte eine Brenndauer von 28 Sekunden. Das Geschoß war 280 g schwer und hatte eine Treibladung von 1,5 g.

Die Gewehrpropagandagranate bestand aus einer Geschoßhülle, die mit Propagandazetteln gefüllt war. Nach dem Abschuß flog die Granate ca. 9 Sekunden lang, bevor eine Ausstoßladung die 40 Propagandazettel über dem Ziel abwarf.

Die Produktion der verschiedenen Gewehrgranaten bis zum März 1945 betrug (in 1.000 Schuß):

  1941 1942 1943 1944 1945
Gewehrsprenggranate - 5.477,4 11.545,6 18.823,1 2.905,0
Gewehrpanzergranate - 2.828,6 8.301,7 10.994,6 1.684,0
Gewehrblendgranate - - 603,7 966,3 -
versch. Ausführungen - - 1.800,0 1.100,0 -

Die Auslieferung des »Schießbechers« selbst betrug:

1942 1943 1944 1945
401.860 760.655 287.599 -